INRI statt MANRO

Verfasst am: 02.06.2012 | Autor: Florian Kapfer

Wer hätte das gedacht? Während sich die Republik das Maul zerreißt über die Thesen der vier Streichautoren, definiert Augsburg den “Kulturinfarkt” erstaunlich offensiv...

Wer hätte das gedacht? Während sich die Republik das Maul zerreißt über die Thesen der vier Streichautoren, definiert Augsburg den “Kulturinfarkt” erstaunlich offensiv. Bayerische Theatertage, Modular, Kunstnacht, Grenzenlos - selten zeigte sich der Veranstaltungskalender der Fuggerstadt so durchgehend rot markiert und schon nach der ersten Woche der Theatertage erschienen einem die Gesichter der Kollegen und Festivalverantwortlichen vertrauter als die von Angehörigen des eigenen Haushalts. Nun muss man sich darüber als Mitglied der Sing-Gruppe (Single income no girl) keine allzu großen Gedanken machen, aber wenn irgendwann Effi auf Woyzeck wartet und der Black Rider im Wienerwald die Räuber für den Untergang des Hauses Usher mit Enron-Aktien entlohnt, stellt sich auch im Einzelzimmer die Frage: Wie viel Erleben ist nötig, um zu erkennen? Und wie viel davon kann am Ende sogar schädlich sein?
Erkennen ließ sich auf jeden Fall, dass wir mit unserem Theater im Großen und Ganzen ziemlich zufrieden sein können. Manche Vorstellungen im Rahmen des Festivals waren doch arge Underperformer, allen voran die groteske Idee des Theaters Erlangen, “Warten auf Godot” als Boulevardkomödie anzulegen, inklusive dem Hut-Gag der Marx Brothers, der älter ist als das Stück selbst.

Auch die Aufeinandertreffen zwischen dem Theater Augsburg und der hiesigen Off-Szene könnten die ein oder andere Mediation vertragen, wie nicht zuletzt das Messias-Debakel gezeigt hat. Doch wir sind guter Hoffnung, dass man am Kennedyplatz die Chance erkennt: Selten zuvor war das Interesse der Jugend an Augsburgs Bühnen so groß wie zurzeit. Und entgegen aller Vorurteile ist besagte Szene sehr sensibel - aber ebenso empfänglich, wenn die Arme der Institution nicht nur auf Pressekonferenzen und Kulturausschusssitzungen geöffnet sind. Wie man hört, soll sich sogar der Blumenmaler für den Kunstförderpreis beworben haben, blöderweise anonym.

Der Stadtjugendring indes hatte im Mai ganz andere Probleme: Der Auftritt der Band Kraftklub auf dem Modular verspricht ungeahnte Zuschauermassen, auf die man zu Recht vorbereitet sein will. Und während das Ordnungsamt ernsthafte Bedenken anmeldet, überlegt die SJR-Chefetage vermutlich fieberhaft, wie man Tausende frenetischer Teenies dazu bringt, ihren freiwilligen Obolus abzudrücken - wenn möglich, bevor sie in die Indiedisko scheißen, wie es in einem Song der Band heißt. Modular-Festivalleiter Stefan Sieber wurde dann auch des Öfteren auf das ein oder andere neuhinzugekommene graue Haar angesprochen, einmal sogar mit der Frage, ob er bei Vertragsabschluss auch an den “Kochs-Zuschlag” gedacht habe...

So sind sie, die Augsburger: fies, aber ehrlich. Nach drei Jahren Streit um den Popkulturbeauftragten ist letztens in einer Podiumsdiskussion in der Ballonfabrik die eigentlich sehr einleuchtende Idee aus dem Krähennest gefallen, einen Kulturbeirat zu gründen. Klasse Sache, die sich Käpt’n Effenberger gleich als weiteren Skalp auf die Homepage heftete. Unterdessen stand die frisch eingerichtete Facebook-Seite “Kulturbeirat Augsburg” zwei Wochen nach dem Ballonfabrikschwur bei 17 “Likes”, also etwa auf dem Niveau der Initiative “Taxifahrer für Tobias Schley”.

Ja, das mit der Kultur ist eine verdammte Plackerei, im Gegensatz zu so tollen Alternativen wie Fußballfan sein geradezu obszön anspruchsvoll. Wir rätseln derweil noch über den Satz unseres KuSpo-Vordenkers Peter Grab, der bei der Programmvorstellung zur “Langen Nacht der Kirchen und Klöster” erklärte: “Wenn man auf Augsburg blickt, sieht man es gleich: Die Schornsteine werden immer weniger, die Kirchtürme bleiben.” Was zum Teufel soll das nun wieder heißen? Arbeit tot, Gott lebt? INRI statt MANRO? Bimmeln statt baggern? Don Camillo schlägt Peppone? Oder ist es eine versteckte Warnung vor dem drohenden Kirchinfarkt? Well, wir wissen es nicht, aber die Erfahrung lehrt: Die Antwort, mein Freund, windet sich im Blog.