30 Tage in Gefangenschaft für eine lebenswerte Welt

Geht es nach der bayerische Staatsregierung, werden sie bis zu 30 Tage ohne einer Anhörung oder Anklage gefangen gehalten. Heute hat uns über die Letzte Generation ein offener Brief aus der JVA erreicht, den wir heute veröffentlich möchten.

Verfasst wurde der Brief von Judith Beadle, Kommunikationsdesignerin und Mutter von zwei Kindern. Unterschrieben wurde er von den vier Frauen - Charlotte Schwarzer, Miriam Meyer, Elena Thor und Judith Beadle - die seit dem 03.11. in der JVA Stadelheim eingesperrt sind, weil sie durch eine Versammlung den Verkehr am Münchner Stachus blockiert hatten. Es ist davon auszugehen, dass sie wegen diesem Protest gegen die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen 30 Tage dort verbringen werden.

OFFENER BRIEF

An unsere Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen, Omas und Opas, Freunde und Bekannte, an alle:

Wir sind 13 Menschen der Letzten Generation im Alter von 19 bis 63 Jahren und wir führen in diesem Moment unseren Widerstand im Gefängnis in München fort, wo wir bis zu einem Monat verbringen. Ihr fragt euch vielleicht, warum wir das tun und vielleicht macht ihr euch auch Sorgen darum, was wir für den Protest aufgeben.

Aber wir geben nichts auf. Unsere Zukunftsperspektive – Schule, Ausbildung, Studium, finanzielle Sicherheit, Arbeit, Karriere, die unbeschwerte Zeit mit unseren Kindern… Wir geben das nicht auf, denn all das ist bereits verloren, wenn wir weiterhin nichts tun. Der UN-Generalsekretär Antonio Guterres sagt: „Wir befinden uns auf dem Highway in die Klimahölle mit dem Fuß auf dem Gaspedal.“ Bereits 2030 werden wir die 1,5°C überschreiten. Dürren, Waldbrände, Extremwetterereignisse werden häufiger und stärker auftreten und in dieser Klimahölle werden wir uns kaum noch Gedanken über den nächsten Urlaub oder die Altersvorsorge machen können. Stattdessen werden wir Hitzetote zählen, millionenfach Menschen im Globalen Süden und an Grenzen sterben lassen und uns gegenseitig zerfleischen im Kampf um die letzten Ressourcen. Denn wenn wir die Chance zum Handeln jetzt verstreichen lassen und in 2-3 Jahren klar ist, dass wir die kritische Grenze überschreiten werden und die Erderwärmung nicht mehr auf ein für uns lebensfreundliches Maß begrenzen können, dann werden wir nicht nur unsere Lebensgrundlage verlieren, sondern auch unsere Hoffnung und Menschlichkeit.

Wir sind eingesperrt, aber auch die Freiheit geben wir nicht auf. Denn was ist das für eine Freiheit, in der wir ungehindert einem zerstörerischen Alltag nachgehen können, in einem System, das mit „Freiheit“ Privilegien meint und uns rücksichtslosen Egoismus als Selbstverwirklichung verkauft? Wenn „Freiheit“ Zerstörung bedeutet und Leid und Tod unzähliger Menschen voraussetzt, dann verabschieden wir uns ohne Bedauern von ihr.

Wir geben nichts auf und wir geben nicht auf. Wir kämpfen für Vernunft und Liebe, angetrieben von der Zuversicht, dass sich die Menschheit noch in diesem letzten Moment für das Leben entscheidet. Wir sind friedlich und entschlossen und wir stellen uns gegen eine Normalität, die nicht länger sein darf. Wir haben uns entschieden: Lieber sind wir Straftäter vor dem Gesetz als mitschuldig am größten Verbrechen der Menschheit.

Und wir bitten euch: Schaut hin und entscheidet auch ihr euch für das Leben. Lasst uns viele sein, die offen und klar sagen: Wir kündigen die Komplizenschaft in diesem Unrecht. Wir nehmen nicht hin, dass unsere Regierung verfassungswidrige Klimaziele formuliert und diese auch noch verfehlt. Sehen wir nicht still zu, wenn Lösungen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Bürgerräten ignoriert und ausgebremst werden, um die Privilegien und Profite der Wenigen zu schützen statt unser aller Leben. Wir werden da sein: in Museen und Ministerien, auf Straßen und in Gefängnissen, in Vortragsräumen und auf Schilderbrücken.

Wir geben nicht(s) auf, denn es geht um alles.

Gezeichnet von: Judith Beadle, Charlotte Schwarzer, Miriam Meyer und Elena Thor in der JVA Stadelheim - Abteilung Frauen

Foto: 21-11-22-Muenchen-©-Michael-Mitzke

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