Augsburg Control - Das musikalische Blind Date!

16 Songs „made in Augsburg“ im Experten-Soundcheck mit Errdeka und Flonny Kluge

Wir sind begeistert, denn derzeit überschwemmt eine musikalische Veröffentlichungsflut unsere Stadt! Wir präsentieren 16 aktuelle Tracks von lokalen Bands und Künstlern, die wir zwei Experten vorgespielt haben. Um es etwas spannender zu machen, wussten unsere beiden Probanden nicht, was da von wem aus den Boxen dudelt. Wir haben bewusst zwei Typen ausgesucht, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Ring: Der routinierte Altrocker vs der rappende Hipster. Gong!
Von Walter Sianos

Die Experten:
Thomas „Flonny“ Kluge
War über zwei Jahrzehnte einer der Besitzer der legendären Rockdisco „Circus“ und später Mitbetreiber des „Raben“ im Abraxas. Bucht als Veranstalter seit über einer Dekade regionale Bands. Seit einigen Jahren rührt er auch kräftig in überregionalen und internationalen Töpfen und verpflichtet als Booker u.a. namhafte Bands für die „Sommer am Kiez“-Festivals.

Raphael Endraß aka Errdeka
Wurde quasi als Teenager in der Neuen Szene Redaktion als Praktikant musikalisch sozialisiert. Ohne zu übertreiben darf man ihn als den erfolgreichsten Rapper der Stadt bezeichnen. Insgesamt hat er bisher fünf Alben veröffentlicht, mit „Rapunderdog“ landete er 2015 sogar in den Top 10 der Deutschen Albumcharts. Hat mit Eyeslow ein eigenes Label und produziert inzwischen verschiedenste Projekte.


UND LOS GEHT´S!

Track 1: Junge Europäer*innen – Technojüngerjoghurt
Flonny: Hui, da flattern die 80er ins Haus. NDW 2.0 mit avantgardistischem Spoiler. Klingt frisch und erinnert mich an Bands wie Foyer des Arts, die hatten damals einen Hit mit „Erlangen“ oder so … Da fühle ich mich nochmal jung und krieg regelrecht einen Deja Vu-Flash.
Errdeka: Klassischer 8-Bit-Sound, wie ihn beispielsweise Egotronic kredenzt. Ist vom Ansatz durchaus okay und ich kann mir denken, was hier beabsichtigt ist. Aber ich finde den Song total überladen, auch den Autotune-Stimmeinsatz.

Track 2: Aylin´s Soulgarden – Derde çare
Flonny: Sehr schön, wunderbare Stimme, Orient trifft Okzident. Der perfekte Soundtrack, um nach einem abgehetzten Tag im Neruda Café zu sitzen und bei einem Feierabenddrink zu entspannen.
Errdeka: Anatolische Klänge prallen auf elektronischen Pop-Jazz-Soul. Cool, gefällt mir, das Instrumental und die Produktion sind sehr gut, das ist professionell abgemischt. Keine Ahnung, um was es in diesem Song geht, aber der Vibe hat mich abgeholt, das funktioniert live auch bestimmt sehr gut.

Track 3: Das Format – Panorama Restaurant
Flonny: Klingt spannend. Die Dramaturgie ist klasse. Geht langsam los und dann braut sich ein Sturm zusammen, der sich anschließend voll entlädt. Das geht voll ab, das ist eine Art von Musik, die mir sehr gut gefällt. Klingt modern, trotzdem höre ich da irgendwie den Spirit von Jimi Hendrix raus.
Errdeka: Liebe Grüße an Oliver Gottwald! Was? Häh, ist er nicht? Na dann, schöne Grüße an die unbekannte Band. Sehr kraftvoller Psychedelic-Rock, spacige und hallige Stimme. Taugt mir voll, super!

Track 4: Ceci – How long have I been dreaming
Flonny: Wow! Ich hab das Gefühl Tanita Tikaram oder Katie Melua stehen neben mir. Das ist super gesungen, ich mag den Song und die Atmosphäre, das passt wunderbar in die Jahreszeit. Ich mach mir gleich einen Jasmin-Tee (lacht).
Errdeka: Lo-Fi-Pop, sehr cool. Kennt jemand Maggie Rogers? Hier passt wirklich alles, Hammer-Stimme, toller Song, super Refrain, 1-A-Produktion. Wer ist das? Ceci? Kommt also aus dem Frequenzgarten-Umfeld. Das erklärt vieles.

Track 5: Loamsiada – Danke sagen
Flonny: Loamsiada! Das sind Mo Ludl, Valentin Metzger und ihre Jungs! Der Wahnsinn, wie diese jungen Musiker in so kurzer Zeit ein so tolles Projekt auf die Beine gestellt haben. Das ist neuer und moderner Mundart-Pop, die funktionieren auf der Bühne und CD, ich habe die Jungs auch schon mal für ein Festival gebucht. Ich bin von ihnen begeistert!
Errdeka: Bei mir löst das weder eine Begeisterung, noch irgendein Gefühl aus. Das ist Spaßmusik und hat sicher seine Berechtigung, aber das ist leider nun mal überhaupt nicht meine Baustelle.

Track 6: Aera Tiret feat. Josy – Who you are
Errdeka: Da singt die Josy, right? Sie ist eine begnadete Sängerin. Anfangs fand ich den Track echt geil, was ich nicht so geil finde ist, dass sich der Switch zehn Mal ändert, da wird zu viel auf einmal serviert. Da höre ich auch die Gold Donkey Jungs mit ihren Experimenten und Spielereien raus. Manchmal ist weniger mehr.
Flonny: Fängt super an, sehr chillig, urban, coole Barmusikmusik und dann wird’s mir zu pompös, zu überladen und zu bombastisch. Trotz aller Kritik hört man da aber sehr viel Substanz heraus.

Track 7: The BV´s – Feedback
Errdeka: Ist das U2… With or without you…? Okay, das war jetzt gemein. Klingt britisch, Post-Punk, Shoegaze… Die Stimme ist cool, erinnert mich auch leicht an Heroes von David Bowie. Gefällt mir.
Flonny: Auf U2 wäre ich jetzt überhaupt nicht gekommen. Sehr sphärisch, perfekt als Soundtrack für die Warteschleife geeignet. Das meine ich jetzt nicht negativ.

Track 8: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys – Velocità
Flonny: Die Abbrunzatis, die haben live in den letzten beiden Jahren unglaublich abgeräumt. Raffiniert gemacht, ihr Erfolg ist ein echtes Phänomen. Italo-Pop, das ist pure Unterhaltung. Aus. Ende. Was soll man noch mehr sagen.
Errdeka: Ich gönne den Jungs alles und es hat mich gefreut, dass sie nach Corona so durch die Decke gegangen sind. Es ist super produziert, es ist für mich aber auch Spaßmusik, die ich mir zuhause nicht anhöre. Ich kann aber verstehen, dass es nach der Post-Pandemie-Phase so viele Leute mitnimmt, die ausgelassen feiern und sich unterhalten lassen wollen. Ich bin gespannt, wohin ihr Weg noch führen wird.

Track 9: Handstand besoffen – Bumsen Bett Ikea
Errdeka: Ist das Handstand besoffen? Ich mag die Jungs alle voll gerne, es ist lustig, aber viel mehr fällt mir dazu jetzt nicht ein. Bumsen, Bett, Ikea, damit ist alles gesagt!
Flonny: Ich kenne die Jungs auch. Ich hoffe, das ist jetzt alles ironisch gemeint. Keine Ahnung, welche Intention da dahintersteckt, klingt jedenfalls wie ´ne Bierlaune. Es muss auch nicht immer alles im Leben einen Sinn ergeben. Nächste Nummer bitteschön.

Track 10: John Garner – Bye Bye Mr. Blue
Flonny: Das erinnert mich an Mumford & Sons. Was ich an der Musik mag, ist der Tempowechsel, das macht den Track so energiegeladen. Mir gefallen die Breaks und es ist schön zum Zuhören. Ist das John Garner? Das ist die fleißigste Band in Town. Ich kenne Stefan Krause noch aus Zeiten, als er alleine als Singer/Songwriter unterwegs war.
Errdeka: Ich muss gestehen, dass ich bisher noch nie einen Song von John Garner gehört habe, das ist also die erste Nummer. Wenn ein Deutscher versucht, englisch zu klingen, dann geht das oft in die Hose. Mir gefällt die Intonation nicht und der Kontrast zwischen der Strophe und der Hook ist auch krass, ich finde der passt überhaupt nicht zum Song. Sorry!

Track 11: Lienne – Bullshit
Errdeka: Ich schätze mal, das ist Lienne. Das klingt auch wieder wie Stoff aus der Frequenzgarten-Fabrik. Ich war am Anfang geflasht, ihre Stimme ist einfach toll und sie ist eine Musikerin mit großem Potential. Der Track fängt sehr stark an, dann plätschert er aber vor sich hin und der Tempowechsel erschließt sich mir auch nicht ganz. Dem Song fehlt es meiner Meinung an Struktur.
Flonny: Moderner RnB, Stimme gehört, Gänsehaut! Ich möchte Errdeka jetzt nicht nachplappern, aber der Song beginnt unglaublich spannend und hitverdächtig, aber dann passiert nicht das, was passieren muss.

Track 12: Das Kitsch – Arbeitstitel
Flonny: Der Text ist weird, da springen die Gedanken hin und her. Das klingt nett und fröhlich, Gänseblümchen-Pop, tralala und schubidu, das ist Musik, die keinem wehtut. Wie sagen die jungen Leute heute: Nice!
Errdeka: Das muss Das Kitsch sein. Drummer Simon spielt ja auch bei Gold Donkey. Die rühren derzeit anscheinend in allen Töpfen in der Stadt. Ich mag das von der Soundästhetik her, die Stimme und der Drumsound sind cool. Das kommt wie ein musikalischer Ausflug aus dem Tagebuch daher.

Track 13: Josy - Natalie
Flonny: Puh… Da muss ich jetzt erst einmal Luft holen. Das überzeugt mich sehr, obwohl es nicht spektakulär ist. Ein Song mit einem echten Aha-Effekt.
Errdeka: Das ist Josy solo. Das finde ich heftig, die Stimme ist umwerfend, das Arrangement ist Bombe, es catcht mich voll und mit diesem Song beweist Josy ihre Klasse. Am Ende hätte ich mir noch einen finalen Beat gewünscht. Der Song klingt voll international, er hat Chartpotential, klingt wie Billie Eilish. Ich bin begeistert.

Track 14: Little Susie – Friday
Flonny: Howdy und yeehaw! Geil, was ist das, sind die aus Augsburg? „Little Susie“? Noch nie gehört, muss brandneu sein. Die sollen sich bitte umgehend bei mir melden, das würde ich sofort für ein Live-Konzert buchen. Ich glaube, die haben einen hohen Unterhaltungsfaktor.
Errdeka: (Lacht) Das klingt wie ein Jingle für amerikanisches Bier. Musik für Trucker und Asphaltcowboys.

Track 15: Oliver Gottwald – Kalender (Ende August/Anfang September)
Flonny: Ich kenne es nicht, aber die Stimme kommt mir bekannt vor. Super anzuhören, Musik die gleich direkt ins Bein geht, der Text springt mich auch an, runde und gute Indie-Pop-Nummer!
Errdeka: Jetzt aber, Oliver Gottwald! Hat so einen ähnlichen Spirit wie Sportfreunde Stiller. Aber Oli hat so seine eigene Nische, seinen eigenen Sound und somit auch einen unglaublichen Wiedererkennungswert. Egal ob mit seiner Band Anajo oder solo, das ist für einen Künstler schon mal super.

Track 16: Kalte Hand – Strafe
Flonny: Sind die 80er wieder en vogue? Das ist Anfangsachtziger Punk und NDW, wie ihn DAF, Abwärts oder andere Protagonisten damals zelebriert haben. Gefällt mir, obwohl mich die Eighties derzeit wenig kicken.
Errdeka: Kalte Hand! An den Drums sitzt mein ehemaliger Back-Up-Rapper. Ich mag diesen rotzigen Punk, die Texte sind super, wenn man sie mal versteht, was aber auch so gewollt ist. Das ist voll auf die Fresse, geil!

DAS FAZIT:
Errdeka: Das war ein super Querschnitt an Musik, den Augsburg derzeit zu bieten hat. Obwohl die Stadt ja doch relativ überschaubar ist, finde ich es voll spannend, was da für Musikrichtungen am Start sind. Mein Wunsch: Bleibt experimentierfreudig, traut euch mehr und bitte nicht in den Plastik-Mainstream reingehen! Meine Favourites heute sind Josy solo und Kalte Hand.

Flonny: Ich bin begeistert, was sich hier abspielt. Die Musikszene wird meiner Meinung nach immer besser, prickelnder und facettenreicher. Ich bin überrascht, dass ich doch so viel nicht gekannt habe, obwohl ich mich tagtäglich mit Musik beschäftige. Mein Topkandidaten? Ich kann mich da nur sehr schwer festlegen… Aber ich habe ein Faible für die Jungs von Loamsiada, weil die vor allem live unglaublich gut performen. Aylin´s Soulgarden ist toll und der Song von Josy ist Bombe! (ws)

Rubrik: 
Magazingalerie: 

Weitere News zum Thema

Mitmachen! Erleben! Feiern!

Verfasst von Neue Szene am 24.06.2024

Das Theaterfest 2024 am 30.06.2024 im martini-Park

Die Lange Kunstnacht 2024: „Alle einsteigen!“

Verfasst von Neue Szene am 22.06.2024

Am 22. Juni ist die Lange Kunstnacht #hinundweg und geht auf Reisen

Stadt Augsburg: Klares Votum für den Bahnausbau Ulm-Augsburg

Verfasst von Neue Szene am 21.06.2024

Die Deutsche Bahn hat heute zum Bahnprojekt Ulm-Augsburg eine Vorschlagstrasse präsentiert