Sex and Drugs and Rock & Roll - Die 70er Jahre in Augsburg

Teil 2 unserer Zeitreise durch Augsburg mit Manfred Langner. Nach den Sixties folgen jetzt die Seventies!

Beim letzten Interview sind wir mit der Zeitmaschine durch die 60er-Jahre und die Beatzeit gejettet. Gerade die Jahre 1967 bis 1969 veränderten Augsburg, die Pille kam, das Big Apple eröffnete, Drogen wurden en vogue und die Beatles läuteten mit ihrem Album ”Sergeant Peppers” eine neue Zeitrechnung ein. Die 70er Jahre wurden geprägt von Politik, freier Liebe und Rock. In Teil 2 berichtet Zeitzeuge Manfred Langner über eine ereignisreiche Dekade.
Von Walter Sianos

Mitte der sechziger Jahre gab es in Augsburg eine sehr lebendige Musikszene und es gründeten sich viele neue Beat-Bands. Wie ging es weiter?
Ende 1960 lösten sich die meisten Formationen wieder auf, einige Musiker machten weiter und gründeten professionelle Bands, um vom Honorar leben zu können. Zu erwähnen sind Team 70 und Music Circus. Zu den erfolgreichsten Rockcoverbands gehörten damals meine Band Mephisto, mit der wir sehr viele Auftritte im schwäbischen Raum hatten, aber auch die unkaputtbaren Shotguns. Neue Bands und neue Genres entstanden, Blues Rock-Bands wie Lehmann, Rory Gallagher Imitation Group, Taraxacum, Kabarett-Rock mit den Mehlprimeln aus Buttenwiesen, Stoppok, Hänsch & Porada, Jazz-Rock mit Leuten wie Walter Bittner, Christian Stock und Buddy Brudzinski, Hippie-Rock/Underground mit Rebekka und Bhakti, einer Kommunen-Band aus Inningen und last not least Hardrock mit Walrus, Knulpp oder Harry Homely, die ab 1977 sehr populär waren..

Du hast die Kraut-Rocker von Gift vergessen. Sie waren zu dieser Zeit die wohl erfolgreichste Gruppe der Stadt.
Absolut und sie waren eine richtig gute Band, haben zwei Alben bei Teldec veröffentlicht und auf vielen großen Festivals in Deutschland gespielt wie beim ”German Rock Super Concert” 1973 in der Frankfurter Festhalle vor 6.000 Zuhörern.

Das Big Apple war der erste richtige Club in Augsburg. Der Laden hat heute noch Kultstatus in der Stadt. Wie revolutionär war der ”Apfel” und wie sehr prägte er die Stadt?
So etwas gab es in dieser Form bis dato nicht und das Konzept hat voll den Nerv der Zeit getroffen. Das Laden war jedes Wochenende brechend voll, die Leute kamen sogar aus München, weil der Club so innovativ war. Ende 1967 war es im Prinzip zu Ende mit der Beat-Ära, progressive Bands wie Spooky Tooth oder Can gastierten im Big Apple, Jimi Hendrix und neue Supergroups wie Cream wurden populär und die Musik wurde immer intellektueller. Haare und Gitarrensolos wurden immer länger und Drogen spielten eine immer zentralere Rolle.

Wie wichtig waren Figuren wie Rudi Schäble? Er muss zu dieser Zeit ein echter Schocker in der Stadt gewesen sein mit seiner offen gelebten Homosexualität und seinen provokanten Outfits. War er der Ziggy Stardust vom Lech?
Das ist ein sehr guter Vergleich. Seine Homosexualität hat für uns überhaupt keine Rolle gespielt, das hat kaum jemanden gejuckt. Aber er war eine schillernde Figur, eine echte Persönlichkeit, er war der König der Nacht. Klar, wenn Rudi mit seinem Outfit tagsüber durch die Stadt geschlendert ist, dann sorgte das für Aufsehen, keine Frage. Er hat als DJ und Plattenverkäufer die Stadt geprägt. 1972 war dann Schluss mit dem Big Apple, der Laden wurde wegen Drogenproblemen geschlossen. Rudi ist dann als DJ ins Eisstadion abgewandert und viele Leute mit ihm. Das ”Ice” war der neue Hotspot. Anfangs war das eher noch eher ein Tanzschuppen, aber Rudi brachte neuen Schwung rein und nach und nach lief dort immer mehr der neueste Sound wie Alice Cooper, Suzi Quatro, aber auch rockiger Sound von Rory Gallagher oder Status Quo.

Im August 1969 fand das Woodstock-Festival statt. Wie sehr hat das auf Augsburg abgefärbt?
Woodstock ging an mir persönlich ziemlich vorbei, dieses ganze Hippie-Zeugs war nicht mein Ding und Räucherstäbchen haben mich schon damals gelangweilt. Viel wichtiger war für mich das Rockfestival 1972 in Germersheim mit Bands wie The Doors, Rory Gallagher, The Kinks, Humple Pie, oder Pink Floyd. Diese Veranstaltung war bahnbrechend. Augsburg war zwar nie eine Hippie-Hochburg, aber natürlich machte sich die Flower-Power-Bewegung auch hier bemerkbar. Erste alternative Studentenkneipen wie der Graue Adler, Thing, Annapam und das Giorgio in der Georgenstraße prägten das Nachtleben, dort ging man hauptsächlich unter der Woche hin.

Beat veränderte die Gesellschaft, Dogmen wurden über Bord geworfen und die Jugend rebellierte gegen das Establishment. In den 70ern wurden politische Statements lauter und plakativer, die 68er-Bewegung entstand, Studenten gingen auf die Straße, die RAF begann mit ihrem Terror ...
Es wurde tatsächlich alles politischer, auch in Augsburg. Ich kann mich noch gut an eine Veranstaltung am 17. September 1969 auf dem Elias-Holl-Platz erinnern, als der damalige Bundesvorsitzende der NPD, Adolf von Thadden, hinter einer Glasscheibe eine Rede hielt. Die ganze Stadt war aufgewühlt und da habe ich zum ersten Mal eine Aufbruchsstimmung und diese Kraft gespürt, wenn junge Menschen auf die Straße gehen und was eine Demo auslösen kann. Was die Stadt damals richtig durchgerüttelt hat, war der Tod von Tommy Weisbecker, der Mitglied der linksterroristischen Vereinigung 2. Juni war. Er war damals in Augsburg untergetaucht, weil er wegen eines Haftbefehls gesucht wurde. Er wohnte in der Georgenstraße und wurde dort wochenlang von der Polizei observiert. Bei einem Festnahmeversuch am 02. März 1972 wurde er beim Gebäude der Stadtwerke im Hohen Weg von der Polizei erschossen. Das hat auch bundesweit hohe Wellen geschlagen.

Kommunen waren das neue Ding.
Heute sagt man ja WGs dazu, ich habe selber schon früh in einer solchen Kommune in der Wertachstraße gewohnt. Bis 1974 war man erst mit 21 volljährig, mein Vater musste unterschreiben, damit ich einziehen konnte. Es war ein völlig neues Gefühl von Freiheit und es begann auch eine alternative Lebensweise. Ich hatte zu dieser Zeit Freunde, die sich sehr bewusst ernährt haben, Bio, Nachhaltigkeit und Fleischverzicht wurden ein Thema.

Du hast in einer WG gelebt, hattest lange Haare, warst Musiker. Damals musste man für seine persönliche Freiheit kämpfen. Das können sich heute viele gar nicht mehr vorstellen.
Man wurde immer wieder mal blöd angemacht, man galt als arbeitsscheu und ungewaschen. Dabei hab´ ich meine Haare mehr gepflegt als die meisten (lacht). Es war tatsächlich so, dass man in vielen Restaurants oder Lokalen abgewiesen wurde, weil man eine lange Matte hatte. Die Italiener waren da ein bisschen cooler, aber in deutschen Wirtschaften ist mir das oft passiert und das ging auch einige Jahre so. In einer gewissen Weise war ich allerdings auch stolz darauf, dass ich mein Ding so konsequent durchgezogen habe und fand es auch cool, eine Art enfant terrible zu sein. Ich habe mein Leben immer so eingerichtet, dass ich frei entscheiden konnte. Auch jobmässig, nach meiner Zeit als Dekorateur beim Modehaus Jung war ich anschließend bei Neckermann in der Bürgermeister-Fischer-Straße beschäftigt. Denen war mein Aussehen völlig egal. Und dann begann schon meine Zeit als Plattenverkäufer, u.a. bei Govi. 1983 habe ich mich dann selbständig gemacht und das bin ich heute noch.

Drogen und freie Liebe. Lagen denn in den Seventies wirklich alle bekifft im Eck und vögelten sich durch die Betten?
Du kannst vielleicht Fragen stellen (lacht etwas verlegen). Ich selber konnte mit Drogen nichts anfangen, ich habe lieber Bier getrunken. Aber generell war es schon so, dass Drogen sehr an Einfluss gewannen und irgendwann gab es in Augsburg auch die ersten Toten. Was die freie Liebe betrifft, die sexuelle Revolution hat auch an die Tore unserer Stadt geklopft.

Die Sechziger spielten sich in hauptsächlich in Kaschemmen der Vorstadt ab, was waren in den 70ern die Hotspots der Stadt?
Es gab sehr viele Auftrittsmöglichkeiten, man konnte in Wirtschaften mit Nebensälen auftreten oder auch in Pfarrsälen, wo immer wieder kleinere Festivals veranstaltet wurden. Nach dem Big Apple kam die Rumpelkammer und 1969 das Candy im Bismarckviertel, das aber auch wegen Drogenproblemen früh geschlossen wurde. Super war der Exzentric Club in Batzenhofen, dort haben viele tolle Bands gespielt, auch aus Augsburg. Erwähnenswert ist noch das Clichy in Pfersee, ein altes Theater am Schlößle, da ist heute ein Supermarkt drin. Und die Casino Clubs in Horgau und Hammel waren auch wichtig, 1977 ist dort zum Beispiel Screamin Lord Sutch aufgetreten.

Die 70er waren auch die Zeit der großen Festivals.
Da ging es los mit großen und guten Konzerten in der Kongress- und Sporthalle mit Status Quo, Rory Gallagher, Golden Earring, Deep Purple oder Ufo. Das hat die Massen mobilisiert.

In den Sixties war der Beatclub die TV-Sendung schlechthin.
Absolut. Früher war ja unter der Woche um 22.00 Uhr und am Wochenende um 23.00 Uhr Schluss mit dem TV-Programm. 1977 kam dann der Rockpalast, man konnte sechsstündige Konzerte live vor dem Fernseher verfolgen und Topstars wie Rory Gallagher, Patti Smith, Peter Gabriel oder The Who traten auf. Das waren Top-Events und absolute Straßenfeger, man saß mit Freunden bis in die frühen Morgenstunden vor der Glotze.

Mitte der 70er kam dann der Glamrock auf, Bands wie die New York Dolls, T. Rex, David Bowie, Slade oder The Sweet brachten neue Impulse in die Musik- und Clubszene.
Da was das Ice federführend, dort konnte man die neuesten Bands und Trends aufsaugen. So um 1977 ging es dann auch mit Punk und etwas später mit New Wave und NDW los, aber das ist ja wieder eine andere Geschichte. (ws)

Teil 1 "Als der Beat nach Augsburg kam" zum Nachlesen:
https://www.neue-szene.de/magazin/nachgefragt/als-der-beat-nach-augsburg-kam

Band-Fotos mit freundlicher Genehmigung aus dem Buch „Die Augsburger Pop-Geschichte“, von Arno Löbs Soso-Verlag.

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